Eingewöhnung

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Wenn wir an Eingewöhnung denken, haben wir häufig die ersten Tage vor Augen. Das Kind kommt mit seinen Eltern in die Kita, lernt seine Bezugsperson kennen und irgendwann steht die erste Trennung an. Doch eigentlich beginnt Eingewöhnung schon viel früher. Beim Elterninfoabend, beim Erstgespräch, beim Kennenlernen des Bezugserziehers, beim ersten Besuch in der Kita oder in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal durch die Tür schaut und dabei vielleicht noch ganz dicht bei Mama oder Papa bleibt.

All diese kleinen Begegnungen sind Teil des Ankommens. Denn bevor ein Kind Vertrauen zu einer neuen Umgebung und zu neuen Menschen entwickeln kann, braucht es Zeit, Sicherheit und viele positive Erfahrungen.

Der Start in die Kita ist für ein Kind ein großer Übergang. Plötzlich ist vieles neu, z.B. die Räume, die Geräusche, die Gerüche, die anderen Kinder und die vielen Erwachsenen. Vielleicht muss es zum ersten Mal erleben, dass Mama oder Papa für eine Weile gehen und später wiederkommen. Vielleicht soll es sich von einem vertrauten Menschen lösen und gleichzeitig zu einer zunächst fremden Person Vertrauen aufbauen.

Eine gelingende Eingewöhnung zeigt sich darin, dass ein Kind nach und nach Vertrauen entwickelt. Dass es beginnt, sich einer pädagogischen Fachkraft zuzuwenden, wenn es Trost braucht. Dass es sich traut, die Umgebung zu erkunden, ins Spiel zu finden und eigene Bedürfnisse zu zeigen.

Wertvolle Haltungs-Perspektive:
Deshalb sollte eine Frage für uns sehr wichtig sein „Was braucht dieses Kind, um sich hier sicher genug zu fühlen?“

Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie sich sowohl sicher als auch gesehen fühlen und wahrnehmen dürfen, dass jemand für sie da ist.

Erst wenn Kinder diese Sicherheit spüren, beginnen sie neugierig ihre neue Umgebung zu erkunden, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und sich auf Bildungsprozesse einzulassen. Genau aus diesem Grund ist Beziehung die Grundlage der Eingewöhnung.

Bereits im Vorfeld können wir Kindern und ihren Familien Erfahrungen ermöglichen, die ihnen das Ankommen erleichtern:

  • Die „Kennenlern-Post“: Das Kind erhält vorab einen Brief oder eine Nachricht über die Kita-App mit Fotos der Fachkräfte, des Gruppenraums und Sätze, die das Kind willkommen heißen. So wird die Kita im gewohnten Schutzraum der Familie bereits visuell vertraut.
  • Schnuppernachmittage: Erste kurze Kontakte auf dem Außengelände, bei denen die pädagogischen Fachkräfte bereits auf Augenhöhe geht und erste positive Präsens anbietet, während die Eltern im Hintergrund Sicherheit bieten.
  • Das Erstgespräch: Hier geht es z.B. um die Gewohnheiten, Einschlafrituale, Vorlieben und Troststrategien des Kindes. Die Eltern spüren das Gefühl, dass eigene Kind wird in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen.

Die Bindungstheorie bildet eine wichtige Grundlage, um zu verstehen, was Kinder während einer Eingewöhnung erleben. Der Übergang in die Kita bringt viele neue Eindrücke und Veränderungen mit sich. Besonders für junge Kinder kann die Trennung von ihren vertrauten Bezugspersonen mit großem Stress und Unsicherheit verbunden sein. In einer neuen Umgebung suchen sie deshalb zunächst die Nähe und Sicherheit ihrer Eltern oder anderer vertrauter Bezugspersonen.

Damit ein Kind sich nach und nach auch in der Kita sicher fühlen kann, braucht es Zeit, verlässliche Beziehungen und feinfühlige Erwachsene. Die pädagogische Fachkraft wird Schritt für Schritt zu einer weiteren vertrauten Bezugsperson, bei der das Kind Schutz und Sicherheit finden kann. Vertrauen entsteht durch viele kleine Erfahrungen, z.B. Die pädagogische Fachkraft bemerkt, wenn das Kind Trost braucht oder reagiert auf Signale, nimmt Gefühle ernst und bleibt auch dann verlässlich, wenn das Kind traurig, zurückhaltend oder unsicher ist.

Mit zunehmender Sicherheit kann sich das Kind immer mehr von seiner vertrauten Bezugsperson lösen und die neue Umgebung erkunden. Es beginnt zu spielen, nimmt Kontakt zu anderen Kindern auf und entwickelt eigene Wege, sich in der Kita zurechtzufinden. Die pädagogische Fachkraft wird dabei zu einer sicheren Basis, von der aus das Kind seine neue Lebenswelt entdecken kann und zu der es zurückkehren darf, wenn es Schutz, Nähe oder Unterstützung braucht.

In der pädagogischen Praxis haben sich verschiedene Eingewöhnungsmodelle entwickelt. Dazu gehören unter anderem das Berliner Eingewöhnungsmodell und das Münchener Eingewöhnungsmodell, aber auch weitere Ansätze und individuell gestaltete Eingewöhnungswege.

Aber nach welchem Modell gewöhnen wir Kinder ein? Und welcher Weg passt zu diesem Kind und seiner Familie?“

Jedes Kind bringt seine eigene Persönlichkeit, seine bisherigen Beziehungserfahrungen und seine individuellen Bedürfnisse mit. Manche Kinder suchen schnell Kontakt und gehen neugierig auf neue Menschen zu. Andere brauchen deutlich mehr Zeit, beobachten zunächst aus sicherer Entfernung oder benötigen eine besonders behutsame Annäherung.

Deshalb sollte ein Eingewöhnungsmodell niemals zu einem starren Ablaufplan werden. Vielmehr kann es uns Orientierung geben und gleichzeitig genügend Raum lassen, um genau hinzuschauen, z.B. Wie geht es diesem Kind? Was zeigt es uns? Was braucht es gerade? Und woran erkennen wir, dass es bereit für den nächsten Schritt ist? Die Modelle geben uns einen fachlichen Rahmen. Die Beziehung, die Feinfühligkeit und die Bereitschaft, diesen Rahmen an die individuellen Bedürfnisse des Kindes anzupassen, machen daraus gelebte pädagogische Qualität.

1. Das Berliner Eingewöhnungsmodell Ein elternbegleiteter, stark strukturierter Prozess (ca. 1–3 Wochen) mit einer dreitägigen Grundphase, einem ersten Trennungsversuch am vierten Tag und einer anschließenden Stabilisierungs- und Schlussphase.

Ideal für sehr junge Kinder (unter 3 Jahren), Kinder mit einem hohen Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Struktur sowie für Familien, die selbst noch viel Sicherheit im Übergang benötigen.

2. Das Münchener Eingewöhnungsmodell Ein stark gruppen- und kompetenzorientierter Ansatz (ca. 2–4 Wochen). Das Kind wird von Beginn an als aktiver Mitgestalter verstanden. Die Eltern sind in den ersten Tagen intensiv am Alltag beteiligt. Die Übergänge und Trennungen werden flexibler und stark im Dialog mit dem Kind gestaltet.

Besonders passend für ältere Krippen- oder Kindergartenkinder, die bereits erste institutionelle Erfahrungen (z. B. Spielgruppe) haben, ein hohes Explorationsbedürfnis zeigen und stark das Interesse an Gleichaltrigen suchen.

3. Das Modell ohne feste Bezugserzieher:in (Offene/Teambasierte Eingewöhnung) Das Kind orientiert sich von Anfang an am gesamten Team der Gruppe/ des Bereiches. Die Eingewöhnung wird von den Personen getragen, zu denen das Kind im Alltag die stärkste Resonanz zeigt.

Geeignet für sehr offene, kontaktfreudige Kinder, die flexibel auf verschiedene Bezugspersonen reagieren, sowie für Einrichtungen mit offenen Konzepten, da das Kind so von vornherein die gesamte Teamkompetenz als sicheren Hafen erfährt.

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Natürlich nimmt die Bezugsperson während der Eingewöhnung eine besondere Rolle ein. Sie ist diejenige, die dem Kind zunächst besonders viel Nähe, Sicherheit und Orientierung anbietet. Sie beobachtet aufmerksam, nimmt die Signale des Kindes wahr und versucht, feinfühlig darauf zu reagieren. Sie tröstet, wenn das Kind traurig ist, gibt Sicherheit, wenn es unsicher wird, und lässt ihm gleichzeitig den Raum, den es braucht, um selbstständig die neue Umgebung zu erkunden. Sie begleitet das Kind in seinen Gefühlen, unterstützt es bei der Ko-Regulation und hilft ihm dabei, mit den vielen neuen Eindrücken und Veränderungen umzugehen.

Wenn wir Eingewöhnung ausschließlich daran messen, wie schnell ein Kind morgens nicht mehr weint oder sich von seinen Eltern verabschiedet, besteht die Gefahr, dass wir Anpassung mit Sicherheit verwechseln. Ein Kind, das morgens scheinbar problemlos in die Gruppe geht, ist nicht automatisch gut angekommen. Ebenso bedeutet Weinen nicht, dass eine Eingewöhnung misslingt.

Kinder zeigen ihre Gefühle auf ganz unterschiedliche Weise. Manche weinen laut und suchen aktiv die Nähe einer vertrauten Person. Andere werden still, ziehen sich zurück oder beobachten zunächst aus sicherer Entfernung. Wieder andere beginnen sofort zu spielen und wirken, als wäre die neue Umgebung für sie überhaupt kein Problem.

Unsere Aufgabe ist es deshalb, genau hinzuschauen und die individuellen Signale eines Kindes wahrzunehmen. Wir sollten uns nicht nur fragen, ob ein Kind weint oder sich trennt, sondern auch, wie es ihm dabei geht und welche Unterstützung es braucht.

Auch wenn die Bezugsperson während der Eingewöhnung eine besondere Rolle einnimmt, braucht das Kind ein ganzes Team, das hinter diesem Prozess steht.

Eingewöhnung braucht Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal auch die Möglichkeit, sich ganz auf ein einzelnes Kind einzulassen. Damit die Bezugsperson diese Zeit und Nähe anbieten kann, braucht sie ein Team, das sie unterstützt und ihr im Alltag den Rücken freihält. Das kann bedeuten, dass andere Teammitglieder in intensiven Phasen stärker die übrige Kindergruppe begleiten, organisatorische Aufgaben übernehmen oder bei pflegerischen Tätigkeiten unterstützen. So entsteht der notwendige Raum für Beziehungsaufbau, ohne dass die pädagogische Fachkraft ständig zwischen verschiedenen Anforderungen wechseln muss.

Gleichzeitig ist es wichtig, dass das Kind nicht ausschließlich an eine einzige Person gebunden bleibt. Auch die anderen Teammitglieder können nach und nach zu vertrauten Interaktions- und Beziehungspartnern werden. Sie bieten weitere Möglichkeiten für Kontakt, Spiel und Kommunikation und können dem Kind Sicherheit geben, wenn die Bezugsperson gerade nicht verfügbar ist. Nicht jede Beziehung entsteht sofort und nicht jedes Kind fühlt sich zu jeder Fachkraft gleichermaßen hingezogen. Das ist vollkommen normal. Wenn die Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson zunächst schwierig erscheint, sollte deshalb beobachtet und reflektiert werden, z.B. Was zeigt uns das Kind?, Womit könnte es ihm schwerfallen?, Welche Person aus dem Team scheint ihm gerade besonders Sicherheit zu geben?, Was können wir verändern, damit Beziehung entstehen kann?

Ein professionelles Team schafft dafür einen gemeinsamen Reflexionsraum. In Teamsitzungen können Beobachtungen zusammengetragen, unterschiedliche Perspektiven ausgetauscht und Situationen gemeinsam betrachtet werden. Gerade bei herausgeforderten Eingewöhnungsverläufen kann dieser gemeinsame Blick helfen, die Dynamik zwischen Kind, Familie, pädagogische Fachkraft und Einrichtung intensiver zu verstehen.

Auch für Eltern beginnt mit dem Eintritt in die Kita ein neuer Lebensabschnitt. Sie geben ihr Kind möglicherweise zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum in die Hände anderer Menschen und müssen darauf vertrauen, dass ihr Kind dort gesehen, verstanden und gut begleitet wird.

Das kann mit ganz unterschiedlichen Gefühlen verbunden sein, wie z.B. Freude auf den neuen Lebensabschnitt, Neugier und Zuversicht, aber auch Unsicherheit, Sorgen oder Trennungsschmerz. All diese Gefühle dürfen ihren Platz haben. Deshalb ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern ein wichtiger Bestandteil jeder Eingewöhnung. Eltern sind die Expert:innen für ihr Kind. Sie kennen seine bisherigen Erfahrungen, seine Gewohnheiten, seine Vorlieben und seine individuellen Signale. Dieses Wissen ist für uns als pädagogische Fachkräfte wertvoll und kann uns dabei helfen, das Kind indiviuell zu verstehen. Gleichzeitig bringen wir als Fachkräfte unser pädagogisches und entwicklungspsychologisches Wissen ein. Eine gute Erziehungspartnerschaft entsteht dort, wo beide Perspektiven miteinander verbunden werden.

Dafür braucht es vor allem Transparenz und einen offenen Austausch. Eltern sollten nachvollziehen können, warum wir bestimmte Schritte wählen, warum wir eine Trennung vielleicht noch nicht empfehlen oder weshalb wir sie an einem Tag kürzer gestalten als am vorherigen. Wenn wir unsere Entscheidungen verständlich erklären und Eltern in unsere Beobachtungen einbeziehen, entsteht Orientierung und Sicherheit. Auch die kleinen Gespräche im Alltag spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein ehrliches und wertschätzendes Feedback am Morgen oder beim Abholen kann Eltern helfen, die Erlebnisse ihres Kindes nachvollziehbar einzuordnen. Dabei sollten wir nicht nur über Schwierigkeiten oder Tränen berichten, sondern auch die kleinen Schritte wahrnehmen und sichtbar machen, wie ein erster Blickkontakt, ein gemeinsames Spiel, ein Moment des Trostes oder die erste Situation, in der sich das Kind von selbst einer Fachkraft zuwendet.

Wenn Eltern erleben, dass ihr Kind mit seinen Gefühlen angenommen wird und wir auch in schwierigen Momenten ruhig, zugewandt und verlässlich bleiben, kann nach und nach Vertrauen entstehen.

Beispiel 1: Das Kind weint untröstlich nach einer halben Stunde Die Bezugsperson hat den Raum verlassen. Nach anfänglichem Spiel weint das Kind stark und lässt sich durch Spielzeug nicht ablenken.

Mögliche vorschnelle Reaktion: Es wird versucht, das Kind mit allen Mitteln abzulenken oder zu bespaßen, um das Weinen zu überspielen.

Beziehungsorientierter Blick: Das Kind trauert und realisiert die Trennung. Ablenkung unterdrückt das Gefühl nur. Die pädagogische Fachkraft akzeptiert die Tränen, hält das Gefühl aus und bietet emotionale Ko-Regulation an, z.B. Sie nimmt das Kind nah zu sich, spricht mit ruhiger Stimme („Ja, du vermisst deine Mama, ich bin bei dir, bis sie wiederkommt“) und nutzt eventuell eine Übergangsobjekt-Brücke (z. B. das Kuscheltier von zu Hause). Lässt sich das Kind über einen angemessenen Zeitraum gar nicht beruhigen, wird die Trennung abgebrochen und die Eltern zurückgeholt.

Beispiel 2: Das Kind exploriert gar nicht und sitzt stundenlang nur starr auf dem Stuhl Ein Kind weint zwar nicht beim Abschied, bewegt sich jedoch kaum vom Fleck, nimmt keinen Blickkontakt auf und rührt kein Spielzeug an.

Mögliche vorschnelle Bewertung: „Super, das Kind ist total pflegeleicht und weint gar nicht, die Eingewöhnung ist durch.“

Beziehungsorientierter Blick: Hier liegt häufig eine sogenannte „Scheinanpassung“ vor. Das Kind steht unter extremem inneren Stress, zeigt jedoch ein defensives Bindungsverhalten (Einfrieren/freeze). Es braucht hier dringend die aktive, feinfühlige Zuwendung der pädagogischen Fachkraft. Sie drängt sich nicht auf, signalisiert aber kontinuierlich Nähe, bringt Materialien sanft in das Sichtfeld des Kindes und baut eine schrittweise, stressfreie Beziehung auf, bis das Kind vertraut.

  • Lea Wedewardt, „Ankommen dürfen statt loslassen müssen Bedürfnisorientierte Eingewöhnung in Kita, Krippe und Kindertagespflege“, Verlag HERDER, 2023, ISBN: 978-3-525-70173-7 WorldCat Link
  • Ursula Günster-Schöning, Katharina Reichert-Scarborough, „Auf dem Weg zum Kita-Kind : Eingewöhnung in Krippe und Kindergarten“, Don Bosco Medien GmbH, 2026, WorldCat Link
  • Rahel Dreyerh, „Eingewöhnung und Beziehungsaufbau in Krippe und Kita: Modelle und Rahmenbedingungen für einen gelungenen Start“, HERDER Verlag, 2017, WorldCat Link